Der Alltag einer Kapselmaschine

Ein Tag im Leben einer Kapsel-Kaffeemaschine



Kapsel in der Kapselmaschine

08:00 Uhr: Aufstehen, der Tag beginnt

Ich werde unsanft aus dem Schlaf gerissen. Schon wieder! Seit meinem Umzug vor einem halben Jahr kann ich fast gar nicht mehr ausschlafen. Aber was soll’s. Vor mir steht eine zombieähnliche Gestalt mit wild abstehenden Haaren, Augenringen bis zum Kinn und einem weit aufgerissenen Mund. Irgendwie habe ich Mitleid mit ihnen, diesen Monstern, die mein braunes Blut brauchen, um wieder in eine ansehnliche Person verwandelt zu werden. Also liefere ich und pumpe ihr Lebenselixier in das Gefäß, was sie unter mich halten. Mit jedem Schluck kann man sehen, wie sie wieder zu normalen Menschen werden: Die gekrümmte Haltung verschwindet zuerst, die Schultern ziehen sich zurück und Kopf und Nacken richten sich auf. Sie reißen den Mund immer seltener auf und streichen sich die Haare glatt. Ich bin zufrieden: Das erste gute Werk für heute ist getan. Es werden noch viele weitere folgen.



09:00 Uhr: Arbeiten auf Hochtouren

Als Kapselmaschine hat man es nicht leicht. Innerhalb einer Stunde habe ich 15 Zombies mit meinem Blut versorgt und wieder zu Menschen gemacht. Immerhin sind sie so nett und füttern mich vor jeder Blutabnahme mit leckeren Bonbons. Sogar die Verpackung, die ich aus Gier meistens mitverschlucke, entsorgen sie von Zeit zu Zeit. Eigentlich sind sie ja ganz nett, diese Menschen-Zombies. Nur dieses frühe Wecken ist echt nervig! Aber dafür werde ich zwischendurch für ein paar Stunden schlafen gehen, in denen Sie mit sich selbst und diesen seltsamen, flimmernden Kästen beschäftigt sind. Bis sie wieder die Münder aufreißen und der Kopf zwischen den Schultern verschwindet; dann muss ich wieder herhalten mit meinem kostbaren Blut.



11:30 Uhr: Mittagstief

Huch, schon so spät? Da muss ich wohl verschlafen haben. Eigentlich müsste doch…ah ja, da ist der erste schon. Bonbon, bitte! Danke auch. Und schon sehen sie wieder ansehnlich aus, diese Zombie-Menschen. Wenn sie mich nicht hätten! Kaffeekapselmaschinen sollten als Retter der Menschheit in die Annalen eingehen. Was hätten die Menschen denn ohne uns geschafft? Durch uns werden sie zu voll funktionstüchtigen Kreaturen, doch ohne uns können sie nicht einmal gerade sitzen. Ich warte immer noch auf das Bundesverdienstkreuz.



13:00 Uhr: Ich habe Pause

Ich habe Pause und beobachte meine Junkies beim Mittagessen. In der nächsten Stunde brauchen sie mich erstmal nicht mehr. Sowieso betrachten mich einige von ihnen generell mit Skepsis und haben sich noch nie getraut, mein Blut zu zapfen. Ich frage mich, ob das an mir liegt oder ob sie Kaffeekapselmaschinen im Allgemeinen nicht leiden können. Jedenfalls sehen die meisten vergleichsweise recht menschlich aus, obwohl sie mein Blut ja nicht trinken. Vielleicht sind sie ja immun gegen Zombiebisse und werden deswegen nicht zu blutdürstigen Monstern? Wer weiß, wer weiß…



Kapseln für Kapselmaschine

14:00 Uhr: Vorteile als Kapselmaschine

Wenn ich so darüber nachdenke, ist das Leben als Kapselmaschine gar nicht so übel. Klar, man muss praktisch ständig bereit sein zur Blutabgabe, aber dafür bekommt man Naschereien und kann eigentlich den Rest des Tages ausruhen. Ah, da kommt der nächste Blutsauger. Ich liefere ihr Lebenselixier wie gewohnt. Und der nächste…Moment! Warum hat er mir kein Bonbon gegeben? So geht das aber nicht. Unsere Zusammenarbeit ist ein Geben und Nehmen, ohne Belohnung gibt es nichts! Das Monster vor mir wirft die Hände in die Luft. Tja, so ist das nun mal. Kann ich auch nichts machen. Dabei kann es so einfach sein! Ich brauche nur meine Belohnung, dann bekommen sie ihre Lebensgrundlage. Eigentlich sollten sie meinen unkomplizierten Service zu schätzen wissen. Man gucke sich nur einmal diese Kaffeevollautomaten-Angeber an…da blickt man ja vorne und hinten nicht durch! Plötzlich wuseln die Menschen alle um mich herum und gucken sehr besorgt. Was ist denn los? Gebt mir doch einfach ein Bonbon und ihr bekommt euer Lebenselixier! Aber nein. Die Menschen gehen wieder zu ihren flimmernden Kästen und beachten mich nicht weiter. Nun, auch gut, dann halte ich eben ein kurzes Mittagsschläfchen.



15:30 Uhr: Feierabend

Huch! Ich schrecke aus dem Schlaf. Neben mir knallt jemand eine große Packung auf den Tisch, in der es verdächtig raschelt. Der Karton wird aufgemacht und heraus purzeln Bonbons in allen erdenklichen Farben. Na also, geht doch! Mhhh, die schmecken gut. Und weiter geht’s. Es wird gezapft, was das Zeug hält. Meine Menschen sind glücklich, ich bin glücklich, alle sind glücklich. Und so verabschiede ich mich in den Feierabend. Bis Morgen, allerseits!